Starker Auftritt im Hotel
Jede Frau kann Überzeugungskraft entwickeln – ob Empfangschefin, Verkaufsmitarbeiterin oder Hoteldirektorin. Die Berliner Schauspielerin und Sängerin Wiebke Wiedeck zeigt, wie es geht: vom Mona-Lisa-Syndrom zum Tarzan-Feeling – ein Crashkurs mit viel Musik
Unser Dilemma wird schon in der Vorstellungsrunde klar: Maja piepst wie Micky Maus, als hätte sie Helium getankt. Silke flüstert mehr als dass sie spricht. Sabine verschluckt die Hälfte beim Reden, weil sie kaum den Mund aufbekommt. Und ich? Nun, mein Kopf wird rot wie ein Hummer im Kochtopf, wenn ich beruflich vor einer Gruppe von Fremden spreche. Je mehr Fremde, desto mehr Hektikflecken erblühen auf meinem Dekolleté. Als hätte ich mit Monsterfeuerquallen gebadet. Dazu die Angst vorm leeren Kopf. Oder dass die Stimme versagt. Manchmal jagen die Worte auch im Schweinsgalopp aus meinem Mund.
Vier Frauen, vier Branchen, ein Problem. Eines, das im weiblichen Teil der Berufswelt so stark verbreitet ist wie Lippenstift und Parfum. Nur, niemand spricht darüber. Manche Frauen haben regelrechte Vertuschungsstrategien gegenüber ihrer Schwäche entwickelt – anderen und sich selbst gegenüber. »Wenn ich in einer Pressekonferenz Rede und Antwort stehen muss, bin das nicht ich«, erklärt die Sprecherin und Marketingleiterin eines Berliner Fünf-Sterne-Hotels. »Vor den Mikrofonen und Kameras steht dann jemand anderes, eine eigene Person, die mit mir und meinen Ängsten nichts zu tun hat. Und die macht ihren Job äußerst professionell.«
Wie wichtig ein starker Auftritt ist, belegt Seminarleiterin Wiebke Wiedeck mit Zahlen: »93 Prozent unseres Erfolges hängen von Körpersprache und Stimme ab. Und nur sieben Prozent vom Inhalt des Gesagten.« Ihr Ziel ist es, Frauen zu mehr Überzeugungskraft im Job zu verhelfen, ohne dass sie ihre Authentizität verlieren. Als Chansonsängerin und Musicaldarstellerin steht die 41-Jährige regelmäßig auf der Bühne, als studierte Psychologin und Pädagogin gibt sie ihre Erfahrungen an andere Frauen weiter.
Zum Beispiel mit diesem Übungssatz: »Ich bin jetzt völlig überlastet und kann keine weiteren Aufgaben übernehmen.« Den sollen wir uns – bitte recht mürrisch – entgegenhalten. Sabine und Silke lächeln dabei wie zwei Honigkuchenpferde. Das Mona-Lisa-Syndrom. Jeder Chef wüßte jetzt, dass er sie am Schlafittchen hat und sie Überstunden schieben werden. »Das klingt wie ‘ne Partyeinladung für mich«, moniert die Trainerin. »Achten Sie darauf, nicht zu lächeln, wenn Sie eine ernste Aussage machen. Sonst wirken Sie unglaubwürdig.« Lächeln schlägt sich gleichermaßen auf Stimmung und Stimme. Letztere transportiert neben dem eigentlichen Inhalt auch vieles andere: fehlende Überzeugung, Unsicherheit, Engagement oder Kompetenz. In Dienstleistungsbranchen zählt ein gutes Auftreten der Mitarbeiter gleich doppelt, schließlich steht hier der Mensch im Mittelpunkt.
Da ist die Empfangschefin, die eine Gruppe hochkarätiger Manager zur Tagung im Hotel begrüßen soll, dabei verlegen die Hände knetet und kaum Augenkontakt mit den Herren halten kann. Schwierig, jetzt die Sympathien zu gewinnen – für sich und damit fürs Haus, das sie repräsentiert. Oder die jungen Damen von der Sales-Abteilung, die im persönlichen Gespräch immer so adrett rüberkommen, aber bei der Kalt-Akquise am Telefon jedesmal ins große Schlottern verfallen. Auch keine überzeugende Visitenkarte des Hotels: Das schüchterne Mädel an der Rezeption, das den Gast zu seinem Zimmer führt. Stellt dieser eine Frage, deren Antwort nicht im Standardfloskelprogramm steht, das die Mitarbeiterin abspult, gerät sie rotgesichtig ins Stottern.
Die Antwort: »Das weiß ich gerade nicht, ich kümmere mich sofort darum.« Mehr fällt ihr in diesem Moment nicht ein. Schon wenige Minuten nach der Ankunft entsteht so ein unprofessioneller Eindruck vom schönen Luxushotel. Unsere Gruppe macht in den nächsten zwei Tagen lauter seltsame Dinge. Wir singen mit dem Rücken. Wir flattern mit Zwerchfell und Lippen. Wir lernen unsere Brust- und unsere Kopfstimme kennen. Wir hocken wie die Frösche, schneiden Grimassen und spucken Laute wie Pingpong-Bälle vornüber aus: »Blah blah blah, bläh bläh bläh.« Wir stecken uns Korken in den Mund und lesen damit Texte. Wir erobern uns mit ausladenden Gesten den Raum.
Wir grölen aus vollem Hals Lieder, wie Wiebke Wiedeck es verlangt: nicht schön, sondern überzeugend. Und wir brüllen aus Leibeskräften, so laut, bis die Trainerin nicht mehr sagen muß: »Ich hätte gern die Tarzan-Nummer von Ihnen – so, dass mir die Haare wegfliegen«. Wenn ein Mann brüllt, ist er dynamisch. Wenn eine Frau brüllt, ist sie hysterisch, so die gängige Einschätzung unserer Gesellschaft. »Räumen Sie mit solchen Etiketten in Ihrem Kopf auf, Sie bremsen sonst sich und Ihre Energie aus«, muntert uns Wiebke Wiedeck auf.
Zwei Stunden nach Seminarbeginn höre ich eine befremdend tiefe, kräftige Stimme. Es ist meine eigene. »Jetzt klinge ich aber plötzlich so männlich«, maule ich. »Quatsch«, sagt die Trainerin, »Sie klingen überhaupt nicht männlich. Null.« Die anderen pflichten ihr bei. »Wir haben oft eine Kleinmädchenstimme, weil wir gefallen wollen. Aber in den Bürofluren hat die nichts zu suchen«, stellt Wiebke Wiedeck klar. Kein Mann käme auf die Idee, sich wie ein kleiner Junge im Firmenleben zu präsentieren. Unbewußt prägen uns noch heute Urmuster aus einer Zeit, als Männer jagten und Frauen die Familie zusammenhielten. »Präsentationsängste sind tief verwurzelt. Denen kann man ganz schlecht über den Kopfball kommen«, erklärt die Kursleiterin. Deshalb ist ihr Werkzeug die Musik. »Die wirkt übers Unterbewußtsein.«
Größte Herausforderung des Seminars ist eine kleine Rede, die jede halten soll. Mit und ohne Videoaufzeichnung. »Stellen Sie sich mittig vor Ihr Publikum, damit Ihre Energie zielgerichtet ist. Locker hängende Arme, leicht breitbeiniger Stand. High-Heels und Minirock bleiben an diesem Tag im Schrank«, sagt Wiebke Wiedeck und grinst. Was uns stört, sollen wir ausblenden. Zum Beispiel den Zuhörer in Reihe zwei, der so skeptisch guckt. »Vielleicht hat diese Person heute einen schlechten Tag.
Konzentrieren Sie sich auf die Zuhörer, von denen Sie sich bestärkt fühlen. Idealerweise haben Sie schon vor Ihrer Rede Kontakt zu diesen ›Freunden‹ aufgenommen.« Wem der Blickkontakt mit den Zuhörern zu schwer fällt, für den hat Schauspielerin Wiedeck einen kleinen Trick: »Schauen Sie knapp über die Köpfe hinweg.« Für Silke, die immer im Flüsterton spricht, gibt es eine Extra-Übung zum Warmmachen. Silke muß auf ihrer Arbeit häufig zu vielen Leuten in einem großen Raum reden. Kaum hebt sie ihre Stimme, meldet sich ihr Publikum: »Lauter bitte!« »Wenn Sie mit Ihrer Stimme einen größeren Raum füllen wollen: Rufen, nicht schreien! Schicken Sie Ihre Stimme in den Raum. Wie Tennisbälle, die Sie weit schießen«, leitet die Trainerin sie an. Silke wippt in den Knien hin und her. Mit ausladender Armbewegung schickt sie ihre Wörter durch den Raum. Schön deutlich, schön laut.
Dann bin ich dran. Wiebke Wiedeck macht die Kamera an. Wie meine Rede läuft, kann ich nicht spüren, während ich auf der Bühne bin. Um so gespannter bin ich, als es an die Auswertung des Videos geht. Da bekomme ich fast feuchte Augen – vor Erleichterung und vor Freude. Wiebke Wiedeck auch. Mein Auftritt war nahezu perfekt. Ob ich Hektikflecken auf dem Video habe? Ich weiß es nicht. Es ist mir auch egal.
Mit freundlicher Genehmigung von Top Hotel, Sandra Möller.
©2007 Freizeit-Verlag
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